© Edi Gasser
Juizen   war   in   unseren   voralpinen   Gegenden   allgegenwärtig.   Gejodelt   wurde   vorwiegend   in bäuerlichen   Kreisen,   bei   der   Arbeit   in   Feld   und   Stall,   bei   der   Waldarbeit   und   sehr   oft   auch   in bestimmten    Handwerker    Kreisen,    so    z.B.    Zimmermann,    Wagner,    Schmied    u.a.m.    Nicht    zu vergessen,    auch    Frauen    sangen    und    juizten    oft    bei    der    Hausarbeit.    Es    sind    aus    heutiger, kultivierter    Sicht    „ungebildete“    Stimmen,    dafür    sind    sie    echt,    authentisch,    mit    ausgeprägt regionalem   Charakter,   was   Tongebung,   Klangfarbe   und   Vokalisation   anbetrifft.   Die   Freude   an einer   Melodie,   tiefe,   innere   Befriedigung   waren   Beweggründe   für   sich   allein   zu   juizen,   sich   von allen    Zwängen    um    sich    herum    zu    befreien    -    nicht    um    Beifall    und    Anerkennung    von Aussenstehenden zu erheischen. Solche   Jodel   oder   Jodelfragmente,   die   uns   überliefert   wurden,   hatten   früher   keinen   bestimmten Namen.   Einfache,   eingängige   Jodelmelodien   –   heute   nennt   man‘s   „Ohrwürmer“      –   machten weitherum   ihren   Siegeszug.   Vielleicht   war   es   ein   Knecht,   ein   Handwerker   auf   der   Stör,   der   eine lieb   gewonnene   Melodie,   einen   „Heimweh-   Juiz“   im   Herzen   mitnahm   an   die   neue   Arbeitsstelle. Vielleicht   war   es   gerade   umgekehrt,   der   Knecht   kehrte   mit   einer   ihm   lieb   gewordenen   Melodie zurück   nach   Hause.   Das   gleiche   weiss   man   auch   von   Begegnungen   im   Militärdienst.   So   wurde der   gleiche   Juiz   weitherum   verbreitet   und   konnte   verschiedene   Namen   tragen.   Man   nannte   ihn vielleicht    nach    einem    Jodler,    meist    aber    nach    einem    Ort,    einem    Heimwesen    wo    er    häufig gesungen   wurde.   Irgend   ein   Name   hat   sich   später   durchgesetzt,   spätestens   dann,   als   man   anfing Jodelmelodien aufzuschreiben. Eines   muss   man   immer   vor   Augen   halten,   das   musikalische   Empfinden   hat   sich   seither   stark verändert.   Heute   jodeln   wir   nicht   mehr   wie   vor   achtzig   Jahren.   In   Kursen   wird   Atemtechnik, Tongebung   u.a.m.   gelehrt.   Das   ist   auch   gut   so.   So   mag   der   Vergleich   mit   der   damaligen   und   der heutigen    Vortragsweise    eines    Jodelvortrages    interessant    sein,    gleiche    Massstäbe    z.B.    in Tonkultur    o.ä.    anwenden    zu    wollen,    wäre    unrealistisch.    Richtigerweise    sollte    man    sich gedanklich    in    die    damalige    Zeit    hinein    versetzen,    in    eine    Zeit    wo    keine    Medien,    keine Tondokumente   wie   Kassetten,   Langspielplatten,   CD‘s   und   vieles   mehr,   überall   und   zu   jeder   Zeit auf   Knopfdruck   abrufbar   waren.   Wer   Musik   hören   wollte,   musste   selber   Musik   machen,   selber singen und jodeln, selber ein Instrument spielen. Schon   früh   setzten   sich   Naturjuiz   Kenner   ein,   den   Naturjuiz   in   seiner   ursprünglichen,   urchigen und   echten   Art   zu   pflegen.   Sie   alle   hatten   einen   schweren   Stand.   Denn   diese   einfache,   „primitive Urmusik“   fand   bei   „gebildeten“   Leuten   kaum   Beachtung,   sie   passte   einfach   nicht   ins   kultivierte Musikverständnis   der   gehobenen   Klasse.   Der   Spruch      vom   „Prophet   im   eigenen   Land“      zeigt einmal   mehr   seine   Berechtigung.   So   waren   es   bezeichnenderweise   ausländische   Musikforscher, z.B.   der   deutsche   Wolfgang   Sichardt,   die   sich   für   unser   Kulturgut   „Jodel“      interessierten,   ihren musikalischen    Wert    erkannten,    Ton-Aufnahmen    machten    und    Forschungsberichte    verfassten. (siehe Beispiele bei „anno dazumal“) Der   Eidgenössische   Jodlerverband,   der   sich   die   Erhaltung   und   Förderung   des   Naturjodels   auf die   Fahne   schrieb,   tat   dem   Naturjodel   keinen   Dienst,   als   er   ganz   gezielt   das   Jodellied   förderte, dabei    seine    Interpretation    streng    reglementierte,    nur    Jodelvokalisation    nach    Grundschule akzeptierte   und   sogar   Jodler-Silben   vorschrieb.   Damit   erreichte   er   das   Gegenteil.   Statt,   dass   der Naturjodel   zur   vollen   Pracht   aufblühen   konnte,   musste   er   jahrelang   ein   Mauerblümchen   Dasein fristen.   Ein   wohltuender   Aufbruch   ist   in   den   letzten   Jahren   spürbar.   Nicht   nur   in   der   Volksmusik, in   verschiedenen   Lebensbereichen   findet   eine   Öffnung   statt,   man   will   sich   von   Einengendem befreien.   Während   das   reglementierte   Singen   besonders   Junge      abhielt   mitzumachen,   ist   das befreiende   Juizen   auch   wieder   für   Junge   interessant.   Und   diese   Verjüngung   tut   gut.   Auch   wenn wir   heute   offener   gegenüber   anderen   Musikstilen   sind,   gepflegter   singen   und   jodeln,   wichtig   ist bei jedem Musizieren, und  beim Jodeln ganz besonders: Das   Herz   muss   mitschwingen,   die   innere   Überzeugung   muss   spürbar   zum Ausdruck   kommen,   denn   jeder   echte   Naturjuiz   trägt   eine   Botschaft.   Diese Botschaft   möchte   ich   erkennen.   Das   hilft   mir   zu   verstehen,   dass   die   Juiz so   sind   wie   sie   sind   -   und   nicht   so,   wie   ich   sie   vielleicht   nach   eigenem “kultiviertem” Gusto haben möchte. Edi Gasser 1995   Ein Naturjodel ist das authentische Spiegelbild der Seele   (Adolf Stähli)
?Info
   UJV Unterwaldner Jodler Vereinigung
Wo die Sprache aufhört, fängt der Naturjuiz* an. nach E.T.A. Hoffmann
Der Naturjuiz* braucht keinen Dolmetscher. nach © Hermann Lahm
Gedanken zum Naturjuiz
JoGebiete-2016-12-02.html